Warum Moore für den Klimaschutz so wichtig sind

Niedersachsen zählt zu den moorreichsten Regionen Deutschlands. Ca. 14 % der Landesfläche bestehen aus organischen Böden. Neben den 208.000 ha Hochmoor sind rund 187.000 ha Niedermoorböden und zusätzlich ca. 100.000 ha flach überlagerte Torfe, Moorgleye und Organomarschen überwiegend entwässert und landwirtschaftlich genutzt. Die damit verbundene Torfmineralisierung führt laut Zahlen des LBEG jährlich zu über 10 Mio. t CO₂-Äquivalenten.

Damit stammt mehr als ein Viertel der landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen des Landes aus der Nutzung von Moorböden. Besonders hohe Emissionen entstehen auf intensiv ackerbaulich genutzten Niedermoorflächen – in Niedersachsen insgesamt über 1,5 Mio. t CO₂-Äq. pro Jahr. Gleichzeitig treten in diesen Regionen Bodensackungen sowie erhebliche Nährstoffeinträge in Oberflächen- und Grundwasser auf.

Vor dem Hintergrund europäischer und nationaler Klimaschutzziele (u. a. EU-Klimarahmengesetz, Fit for 55, deutsches Klimaschutzgesetz, Moorschutzstrategie des Bundes) wächst der Bedarf an praxistauglichen Lösungen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen aus Moorböden bei gleichzeitigem Erhalt der landwirtschaftlichen Nutzung.

Rohrkolben als Schlüssel für eine neue Moorbewirtschaftung

Der Rohrkolben eröffnet einen neuen Weg im Umgang mit unseren Moorflächen. Statt trockengelegte Böden weiter zu belasten, erlaubt diese Pflanze eine Nutzung unter nassen Bedingungen – genau dort, wo Moore ihre natürliche Klimaschutzfunktion zurückgewinnen können. Typha wächst in wasserreichen Bereichen, stabilisiert den Moorboden und verhindert die Freisetzung großer Mengen CO₂. Gleichzeitig entsteht eine vielseitige Biomasse. Mögliche Verwendungen dieses Rohstoffes sind:

  • Baustoffe: Dank seines natürlichen Stütz- und Schwammgewebes eignet sich Typha ideal für ökologische, regional produzierte Dämmstoffe.
  • Gartenbau: Typha kann Torf in Pflanzsubstraten ersetzen – ein wichtiger Schritt zur Torfreduktion im Gartenbau.

Durch die Nutzung intensiv bearbeiteter Moorackerflächen – heute CO₂-Hotspots – können jährlich über 1,5 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente eingespart werden. Damit verbindet Typha-Anbau Moorbodenschutz, Klimaschutz und die Bereitstellung neuer regionaler Rohstoffe.

Das Projekt RoNNi – ein Modell für nachhaltige Moorbewirtschaftung

Das Projekt „Nachhaltige Erzeugung und Verwertung von Rohrkolben auf Niedermoorstandorten in Niedersachsen (RoNNi)“ verfolgt folgende Kernziele:

1. Etablierung großflächiger Typha-Anbausysteme

  • Umsetzung in zwei Modellregionen mit hohen bodenbürtigen THG-Emissionen:
    Landkreis Emsland und Landkreis Cuxhaven (Geestland)
  • Transformation entwässerter Acker- und Grünlandflächen zu nassen Bewirtschaftungssystemen

2. Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten

  • Entwicklung qualitätsoptimierter Rohstoffproduktion für
    • Typha-Baustoffe
    • Torfersatz- und Gartenbausubstrate
  • Aufbau von Verarbeitungskapazitäten, Produktentwicklung und Kooperationen mit regionalen Unternehmen
  • Bereitstellung baurechtlicher Grundlagen und Ökobilanzdaten
  • Erprobung der Produkte in drei Demonstrationsgebäuden

3. Klima-, Umwelt- und Ökosystemmonitoring

  • Quantifizierung von THG-Flüssen mittels Eddy-Kovarianz und weiterer Messmethoden
  • Analyse von Biodiversität, Hydrologie und Nährstoffhaushalt
  • Bewertung ökologischer und sozioökonomischer Effekte sowie der ökonomischen Tragfähigkeit

4. Entwicklung neuer Geschäftsmodelle

  • Prüfung der Honorierung von Klimaleistungen (z. B. CO₂-Zertifikate)
  • Stärkung der regionalen Landnutzungssysteme durch zusätzliche Einkommensoptionen

Zum ersten Mal werden in Deutschland großflächige Typha-Paludikulturen wissenschaftlich begleitet – ein Meilenstein für die Klimaforschung.

Chancen des Projekts

  • Praxisnahe Daten aus großflächigem Anbau
  • Höhere Akzeptanz für Wiedervernässung durch wirtschaftliche Perspektiven
  • Neue Einnahmequellen für Landwirte (z. B. Carbon Farming)
  • Aufbau einer regionalen klimafreundlichen Rohstoff- und Baustoffindustrie
  • Schutz von Moorböden, Gewässern und Artenvielfalt

Risiken und Herausforderungen

  • Komplexe Genehmigungsverfahren bei der Wiedervernässung
  • Marktreife neuer Produkte und notwendige Anlagenanpassungen
  • Wirtschaftlichkeit, die langfristig nur mit Anreizsystemen und einer Honorierung der Klimaleistung gesichert ist